Als sie begann, die Farben von Asche zu studieren, war sie der Kunst längst verfallen. Ohne es zu wissen! Als sie Kaffee einem künstlerischen Geschmackstest unterzog, hatte sie Grenzen kreativ bereits übersprungen. Ohne es zu ahnen!
Anita Gapp, die autodidakte Künstlerin, hat am 24. September in Graz das Licht der Welt erblickt. Hineingeboren in ein ganz „normales“ Leben legte die verheiratete Mutter von zwei erwachsenen Töchtern mit einer kaufmännischen Ausbildung ein Versprechen für eine ganz bürgerliche Existenz ab, ohne zu wissen, dass sich diese – wenn auch erst viele Jahre später – zu „spießen“ beginnen sollte. In dem familieneigenen Stahlbauunternehmen entdeckte die Suchende – „ich bin in die Kunst gestolpert“ – 2017 Eisenspäne als kreativen Werkstoff. Das erste Bild war ein zaghafter Versuch, sich als Künstlerin selbst zu orten und die Spurensuche nach den kreativen Adern aufzunehmen.
DIE WIEDERGEBURT DER ASCHE
Das Feuer der Leidenschaft für die Malerei wurde „brennend“ geschürt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Augenblicke vor dem offenen Kamin im gemütlichen Domizil in Graz, lieferten die Inspiration, sich den Werkstoff Asche zunutze zu machen: „Ich habe plötzlich gesehen, dass unterschiedliche Holzarten Asche in faszinierenden Farben hinterlassen.“ Ein Regenbogen der Gefühle in Naturtönen, der Anita Gapp nicht mehr losgelassen hat. „Wie aber schafft man es, Asche auf Leinwand zu neuem Leben zu erwecken?“ Eine bange Frage, die jedes Vorstellungsvermögen gesprengt – und für die nur der Wunsch nach Gestaltung Antworten geliefert hat. Nach vielen Versuchen wurde Asche „malerisch“ wiedergeboren und damit der Vergänglichkeit im Atelier von Anita Gapp neues Leben eingehaucht. Farben werden (noch) bewusst in den Hintergrund gedrängt, Acryl und Asche in Naturtönen genügen, um dem Drang nach Darstellung
fantasievoll freien Lauf zu lassen. Strukturen, die an organische Formen erinnern sind wie ein Fingerprint, wodurch jedes Werk eindeutig der Künstlerin zugeordnet werden kann: „Meine Bilder tragen keine Namen, sonst müßte ich die Figuren wecken, die – nur für mich sichtbar – in jedes Bild hineingeboren werden.“
DER WECKRUF VON KAFFEE
Einen Weckruf der anderen Art zelebriert die Kunstschaffende mit dem Werkstoff Kaffee, der lautere Töne anschlägt als die Asche, zugleich aber auch malerisch beruhigt: „Die unterschiedlichen Geschmacksproben von Instantkaffee haben mich inspiriert, Bilder nicht nur als Augenblicke zu sehen, sondern sie gedanklich auf der Zunge zergehen zu lassen. Wenn auch nur imaginär.“ Anita Gapp hört und sieht den Weckruf des Kaffees und schmeckt ihn mit Acryl ab. Die Kombination versteht sie als Aufmunterung, den farblich dunklen Tönen zu folgen, die aufrütteln, aber auch beruhigen. Auch mit Kaffee entstehen Werke, die großflächig um Aufmerksamkeit buhlen und die von der Überraschung leben, wenn Betrachter hinter die Geheimnisse kommen.
Anita Gapp lässt ihre Bilder ohne Ziel entstehen und folgt den Zufälligkeiten der Inspiration. In den Köpfen der Betrachter wühlt sie mit dem Willen, der Andersartigkeit Platz zu machen. Um Asche nicht als finalen Abschied von dieser Welt zu interpretieren und Kaffee den schalen Geschmack des Alltäglichen zu nehmen. Dass sie dabei auf Spurensuche ohne Ziel ist, lässt auf noch viele kreative Seitensprünge hoffen...!
Mag. Ulrike Zebinger-Glettler